Behandlungsleitfaden für Abhängigkeitserkrankungen
Verfügbare Behandlungsoptionen
Als Ärztin ist es mir wichtig, ehrlich über Medikamente zu sprechen. Sie sind keine Zaubermittel, aber sie können das körperliche Verlangen so weit dämpfen, dass Therapien überhaupt erst greifen können.
Für die Behandlung der Alkoholabhängigkeit setze ich häufig Campral (Acamprosat) ein. Mein klinischer Hinweis dazu: Es macht Sie nicht krank, wenn Sie trinken (wie ältere Präparate), sondern es beruhigt die Überaktivität im Gehirn und dämpft das ständige "Hintergrundrauschen" des Verlangens.
Bei der Raucherentwöhnung vergleiche ich oft Zyban (Bupropion) und Vareniclin . Vareniclin ist oft meine erste Wahl, da es als partieller Rezeptor-Antagonist die Nikotinrezeptoren im Gehirn besetzt – es lindert den Entzug und nimmt der Zigarette gleichzeitig die belohnende Wirkung.
Zyban hingegen ist ein Antidepressivum, das sich besonders eignet, wenn Patienten beim Raucherentzug zu depressiven Verstimmungen neigen.
Ein weiteres Medikament in dieser Kategorie ist Mysimba, das wir bei starkem, suchtähnlichem Essverhalten und Adipositas einsetzen. Es reguliert das Belohnungszentrum im Gehirn gezielt in Bezug auf Nahrung.
Ein sehr kritisches Thema ist Zolpidem . Obwohl es ein Schlafmittel ist, erwähne ich es hier aus einem bestimmten Grund: Viele Patienten suchen Hilfe wegen einer Zolpidem-Abhängigkeit. Manchmal wird es in der akuten Entzugsphase anderer Substanzen für maximal 3 bis 5 Tage verschrieben, um schwere Schlafstörungen abzufangen.
Ich verschreibe es jedoch extrem restriktiv, da das Risiko einer Kreuztoleranz und einer neuen Abhängigkeit massiv ist.
Was Sie von der Behandlung erwarten können
Seien wir realistisch: Der Weg aus der Abhängigkeit ist ein Marathon, kein Sprint. Die ersten 72 Stunden sind meist geprägt von körperlichen Entzugssymptomen. Nach etwa zwei bis drei Wochen beginnt die eigentliche psychologische Arbeit.
Eine wichtige Erkenntnis aus meiner jahrelangen Erfahrung: Ein Rückfall ist kein Versagen und bedeutet nicht, dass Sie wieder bei null anfangen. Er ist oft ein notwendiger Teil des Lernprozesses.
Medikamente wie Vareniclin oder Campral benötigen oft ein bis zwei Wochen, um ihren vollen Spiegel aufzubauen – geben Sie der Therapie diese Zeit.
Selbstfürsorge und Prävention
Neben der medikamentösen Therapie ist Ihr Alltag entscheidend. Ich bringe meinen Patienten immer das HALT-Akronym bei. Vermeiden Sie diese vier gefährlichen Zustände, die laut meiner Erfahrung die häufigsten Auslöser für Rückfälle sind:
- Hungry (Hungrig): Ein niedriger Blutzuckerspiegel schwächt die Impulskontrolle drastisch.
- Angry (Wütend): Starke emotionale Belastungen verlangen nach dem alten, ungesunden "Ventil".
- Lonely (Einsam): Isolation ist der stärkste Treiber für Suchtverhalten. Suchen Sie Gesellschaft.
- Tired (Müde): Erschöpfung mindert Ihre psychische Widerstandskraft gegen das Verlangen.
Bauen Sie zudem neue, gesunde Routinen auf, die Ihr Gehirn mit natürlichen Glückshormonen versorgen. Die Kombination aus medizinischer Unterstützung und bewusster Lebensführung ist der Schlüssel zu Ihrer langfristigen Unabhängigkeit.





