STI Tests und Behandlung: Was Sie wissen sollten
Als Hausärztin sehe ich täglich Patienten mit STIs.
Erfahren Sie hier ehrlich und ohne Tabus, wann ein Test wirklich sinnvoll ist und wie Behandlungen wie Aciclovir oder Aldara in der Praxis wirken.
Als Hausärztin erlebe ich jeden Monat Patientinnen und Patienten, die mit sichtbarer Anspannung in die Sprechstunde kommen, weil sie den Verdacht auf eine sexuell übertragbare Infektion haben.
Fast immer sage ich als Erstes: Sie haben den wichtigsten Schritt bereits getan, indem Sie sich testen lassen.
STIs sind in Deutschland weiter verbreitet, als viele glauben, und die meisten sind hervorragend behandelbar.
Dieser Leitfaden erklärt, welche Tests sinnvoll sind, wie Behandlungen ablaufen und warum Scham der schlechteste Ratgeber in dieser Situation ist.
Wie häufig sind STIs in Deutschland?
Das Robert Koch-Institut meldet jährlich steigende Fallzahlen für mehrere sexuell übertragbare Erkrankungen.
Chlamydien sind die häufigste bakterielle STI: Schätzungen gehen von über 300.000 Neuinfektionen pro Jahr aus, der Großteil bei Frauen unter 25.
Gonorrhoe steigt seit 2010 wieder kontinuierlich an, Syphilis-Neumeldungen haben sich seit 2010 mehr als verdoppelt.
HPV-Infektionen sind so verbreitet, dass 80 Prozent aller sexuell aktiven Menschen im Laufe des Lebens mindestens einmal betroffen sind. Mykoplasma genitalium, Trichomoniasis und Herpes genitalis kommen ergänzend hinzu.
Die Deutsche STI-Gesellschaft bietet regelmäßig aktualisierte epidemiologische Daten auf dstig.de.
Wann sollten Sie sich testen lassen?
Die Indikationen sind vielfältiger, als viele denken:
- Nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit einem neuen oder unbekannten Partner.
- Bei Symptomen wie Ausfluss, Brennen beim Wasserlassen, Unterbauchschmerzen, genitale Bläschen oder Geschwüre, atypische Blutungen.
- Vor Beginn einer neuen Beziehung, wenn Sie und Ihr Partner Kondome weglassen möchten.
- Nach Bekanntwerden einer Infektion bei einem früheren Sexualpartner.
- Routinemäßig bei sexuell aktiven Frauen unter 25 (Chlamydien-Screening, GKV-Leistung einmal jährlich).
- Bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft.
- Bei Männern, die Sex mit Männern haben: alle 3 bis 6 Monate, erweitertes Panel.
Wichtig: Eine Infektion kann völlig symptomlos verlaufen. 70 Prozent aller Chlamydien-Infektionen bei Frauen und 50 Prozent bei Männern machen keine Beschwerden. Symptomfreiheit ist kein verlässlicher Indikator.
Welche Tests gibt es?
Bakterielle STIs
Chlamydia trachomatis, Neisseria gonorrhoeae und Mykoplasma genitalium werden über Nukleinsäure-Amplifikationstests (NAAT, meist PCR) nachgewiesen. Das Material ist ein Abstrich (vaginal, zervikal, urethral, rektal, pharyngeal) oder Erststrahlurin. Ergebnis in 2 bis 5 Tagen. Die Sensitivität liegt über 95 Prozent.
Syphilis (Treponema pallidum): serologische Stufendiagnostik aus Blut, ein Suchtest (TPPA oder CMIA) plus bestätigender FTA-ABS und Aktivitätsmarker (VDRL oder RPR).
Ein Primäraffekt (Schanker) kann wenige Tage vor den Antikörpern auftreten, weshalb bei klinischem Verdacht auch eine Dunkelfeldmikroskopie oder PCR aus der Läsion erwogen wird.
Virale STIs
HIV: ELISA-Kombinationstest 4. Generation (Antikörper + p24-Antigen) 6 Wochen nach Risikokontakt aussagekräftig. HIV-Selbsttests aus der Apotheke sind zuverlässig, ein positives Ergebnis muss laborbestätigt werden.
Hepatitis B und C: Serologie, HBsAg und Anti-HCV, bei positiver Serologie PCR zur Aktivitätsbestimmung.
Herpes simplex (HSV-1, HSV-2): bei aktiven Läsionen PCR aus dem Bläscheninhalt. Antikörperserologie nur in ausgewählten Fällen, weil sie keine Information über Lokalisation oder Aktivität liefert.
HPV: beim zervikalen HPV-Screening im Rahmen der Krebsfrüherkennung ab 35 Jahren (GKV).
Protozoen
Trichomonas vaginalis: Abstrich mit Nativpräparat oder NAAT.
Behandlung der häufigsten STIs
Chlamydien
Standardtherapie nach aktueller deutscher STI-Leitlinie ist Doxycyclin 100 mg zweimal täglich über 7 Tage. In Studien der letzten Jahre zeigte sich Doxycyclin der Einmalgabe Azithromycin 1 g besonders bei rektalen Chlamydien überlegen, weshalb die Leitlinien weltweit auf Doxycyclin als Erstlinie umgestellt haben. Azithromycin bleibt eine Option in Schwangerschaft und bei Doxycyclin-Unverträglichkeit: Azithromycin 1 g als Einmaldosis. Der Sexualpartner muss immer mitbehandelt werden, Reinfektionen durch unbehandelte Partner sind die häufigste Ursache für therapieresistente Fälle. Mehr zu antibakteriellen Therapieoptionen in unserem Themenbereich Antibiotika.
Gonorrhoe (Tripper)
Aktuelle Leitlinien empfehlen eine Kombination aus Ceftriaxon 1 bis 2 g intramuskulär oder intravenös plus Azithromycin 1 g oral.
Die duale Therapie adressiert die zunehmende Resistenzentwicklung von Neisseria gonorrhoeae und deckt zugleich eine mögliche Ko-Infektion mit Chlamydien ab. Auch hier ist Partnerbehandlung Pflicht.
Bakterielle Vaginose und Trichomoniasis
Beide werden mit Metronidazol behandelt, 500 mg zweimal täglich über 7 Tage oder als Einmalgabe von 2 g. Alkoholkarenz während und 48 Stunden nach Therapie ist wichtig (Disulfiram-ähnliche Reaktion). Bei Trichomoniasis muss der Partner mitbehandelt werden, bei bakterieller Vaginose in der Regel nicht.
Herpes genitalis
Die antivirale Therapie verkürzt Episoden und reduziert die Transmission. Beim Erstausbruch: Aciclovir 400 mg dreimal täglich über 7 bis 10 Tage, alternativ Valaciclovir 500 mg zweimal täglich. Bei häufigen Rezidiven (mehr als 6 pro Jahr) ist eine Suppressionstherapie sinnvoll, Valaciclovir 500 mg einmal täglich dauerhaft reduziert sowohl Rezidivfrequenz als auch Übertragungsrisiko auf den Partner um etwa 50 Prozent. Weitere antivirale Optionen finden Sie im Bereich antivirale Medikamente und im Überblick zu Infektionen allgemein.
Syphilis
Benzathin-Penicillin G 2,4 Mio. IE intramuskulär einmalig (Früh-Syphilis) oder drei Dosen im Wochenabstand (Spät-Syphilis). Bei Penicillin-Allergie Doxycyclin 100 mg zweimal täglich über 14 Tage als Alternative.
HIV und Hepatitis C
Beides sind heute chronische, aber exzellent behandelbare Erkrankungen. HIV: antiretrovirale Therapie als Einmaltablette (z. B.
Bictegravir/TAF/FTC), Viruslast unter Nachweisgrenze meist innerhalb von 3 Monaten, Lebenserwartung bei früher Diagnose nahezu normal.
Hepatitis C: direkt antiviral wirkende Substanzen (DAA) heilen über 95 Prozent aller Patienten in 8 bis 12 Wochen.
Partnerinformation und Ko-Infektionen
Die Pflicht zur Partnerinformation (sog. Partner Notification) ist ärztlich dringend empfohlen, bei bestimmten meldepflichtigen Erkrankungen (Syphilis, HIV nach IfSG) anonymisiert gemeldet. Meine Empfehlung: Informieren Sie alle Sexualpartner der letzten 6 Monate, auch wenn das unangenehm ist. Unbehandelte Partner reinfizieren Sie, und Sie reinfizieren andere. Das Robert Koch-Institut stellt unter rki.de anonymisierte Informationsblätter zur Verfügung, die Sie weitergeben können. Auch gesund.bund.de bietet gute laienverständliche Aufklärungstexte.
Ko-Infektionen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Wer Chlamydien hat, hat ein erhöhtes Risiko für Gonorrhoe, Mykoplasmen und HPV. Bei jeder diagnostizierten STI sollte daher ein Gesamt-Screening erfolgen (HIV, Hepatitis B und C, Syphilis).
Prävention
Kondome reduzieren das Transmissionsrisiko für die meisten STIs um 60 bis 95 Prozent, am stärksten für HIV, Chlamydien und Gonorrhoe, etwas weniger für Herpes und HPV (Hautkontakt außerhalb des Kondoms).
PrEP (Prä-Expositionsprophylaxe mit Tenofovir/FTC) ist für Menschen mit hohem HIV-Expositionsrisiko seit 2019 GKV-Leistung.
HPV-Impfung ist für Mädchen und Jungen von 9 bis 17 Jahren Standardimpfung, eine Nachholimpfung bis 26 Jahre wird von der STIKO empfohlen. Hepatitis-B-Impfung ist seit Jahrzehnten im Impfkalender.
Schwangerschaft und STIs
In der Schwangerschaft sind einige Wirkstoffe kontraindiziert. Doxycyclin ist in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft zu vermeiden (Zahnverfärbungen, Knochenentwicklung). Alternativen: Azithromycin bei Chlamydien, Aciclovir bei Herpes (Sicherheitsprofil gut etabliert), Penicillin bei Syphilis. Syphilis in der Schwangerschaft ist ein Notfall, weil die Übertragung auf das Kind fatal sein kann (konnatale Syphilis), aber unter rechtzeitiger Penicillintherapie zu 98 Prozent verhinderbar.
Häufige Fragen aus meiner Sprechstunde
Kann ich mich beim Oralverkehr anstecken?
Ja. Gonorrhoe und Chlamydien werden regelmäßig pharyngeal übertragen, Syphilis und HSV ebenfalls. Pharyngeale Infektionen sind meist symptomlos, tragen aber zur Weiterverbreitung bei.
Wie lange sollte ich nach einer Behandlung auf Sex verzichten?
Bis 7 Tage nach Therapieende und bis alle Symptome abgeklungen sind. Bei Einmalgaben (Azithromycin) ebenfalls 7 Tage Karenz.
Kann ich denselben Erreger ein zweites Mal bekommen?
Ja. Eine durchgemachte Chlamydien- oder Gonorrhoe-Infektion hinterlässt keine dauerhafte Immunität. Reinfektionen sind häufig, meist durch unbehandelte Partner.
Reichen Heimtests aus der Apotheke?
Für HIV ja. Für Chlamydien und Gonorrhoe können selbst entnommene Abstriche in Einsendelaboren sinnvoll sein, wenn die Hemmschwelle sonst zu hoch ist. Ein positives Ergebnis gehört immer ärztlich bestätigt und behandelt.
Fazit
STIs sind häufig, meist symptomlos, fast immer gut behandelbar und kein Grund für Scham. Wer sich testen lässt, zeigt Verantwortung gegenüber sich selbst und den Partnern.
Die Therapielandschaft ist in den letzten 10 Jahren präziser, leitliniengestützter und verträglicher geworden.
Wenn Sie unsicher sind, ob Sie sich testen lassen sollten, ist die Antwort fast immer ja.
Die Konsultation kann per Videosprechstunde beginnen, viele Tests lassen sich diskret organisieren, und eine Behandlung ist in der Regel innerhalb einer Woche abgeschlossen.
Meldepflicht und Datenschutz
In Deutschland regelt das Infektionsschutzgesetz (IfSG), welche STIs meldepflichtig sind. HIV, Syphilis und Hepatitis B und C werden anonymisiert an das Robert Koch-Institut gemeldet.
Ihr Name wird nicht weitergegeben, lediglich epidemiologische Daten wie Alter, Geschlecht, vermuteter Infektionsweg.
Chlamydien und Gonorrhoe sind in Deutschland (anders als in Österreich oder der Schweiz) nicht meldepflichtig, was die epidemiologische Steuerung erschwert. Die ärztliche Schweigepflicht gilt für alle STIs uneingeschränkt.
Ich darf einen Partner nur mit Ihrem Einverständnis informieren.
Spezielle Patientengruppen
Männer, die Sex mit Männern haben, haben ein 20- bis 30-fach erhöhtes Risiko für Syphilis und HIV und sollten ein erweitertes Screening-Intervall einhalten (alle 3 bis 6 Monate, inklusive pharyngealer und rektaler Abstriche).
Jugendliche unter 18 dürfen sich in Deutschland testen lassen, ohne dass Eltern informiert werden, wenn sie einsichtsfähig sind.
Menschen ohne Krankenversicherung können sich in Gesundheitsämtern vieler deutscher Städte anonym und kostenlos testen lassen, die Fachstellen der Deutschen AIDS-Hilfe und der Deutschen STI-Gesellschaft vermitteln entsprechende Angebote.
PrEP, PEP und Impfungen im Überblick
Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) mit Tenofovirdisoproxil/Emtricitabin senkt das HIV-Infektionsrisiko um über 95 Prozent bei korrekter Einnahme. Seit 2019 ist PrEP GKV-Leistung für Menschen mit erhöhtem HIV-Expositionsrisiko.
Post-Expositionsprophylaxe (PEP) nach akutem Risikokontakt muss innerhalb von 72 Stunden begonnen werden und dauert 28 Tage.
Jede infektiologische Ambulanz hält einen PEP-Startersatz vor, im Zweifel direkt in die Notaufnahme.
Impfungen gegen Hepatitis A und B, HPV und künftig vermutlich auch gegen Meningokokken-B (off-label zur Gonorrhoe-Prävention untersucht) sind wichtige Säulen der STI-Prävention.
Online-Konsultation: wie läuft das konkret?
Viele Patienten starten heute über eine Videosprechstunde.
Der Ablauf ist unkompliziert: Ausfüllen eines medizinischen Fragebogens, Video- oder Chatgespräch mit einer Ärztin, Versand eines Selbstentnahme-Kits per Post (Abstrich, Urinbecher, Blutlanzette für Kapillarblut), Rückversand an ein akkreditiertes Labor, Ergebnisbesprechung per Videocall, bei Bedarf elektronisches Rezept.
Der gesamte Prozess dauert in der Regel 5 bis 10 Tage und ist deutlich diskreter als eine Praxisvorstellung.
Wichtig ist, einen seriösen Anbieter mit gültiger Versandapothekenerlaubnis und akkreditiertem Partnerlabor zu wählen.
Nachkontrollen
Nach bakteriellen STIs (Chlamydien, Gonorrhoe, Syphilis) ist eine Test-of-Cure 4 bis 6 Wochen nach Therapieende sinnvoll, insbesondere in der Schwangerschaft, bei pharyngealer oder rektaler Infektion und bei Therapien außerhalb der Erstlinie.
Nach Syphilis-Behandlung Serologie-Kontrolle nach 3, 6 und 12 Monaten, um den Therapieerfolg zu dokumentieren.
HIV-Tests nach Risikokontakt sollten mit 6 Wochen (Kombinationstest) und zur Sicherheit nochmals nach 12 Wochen erfolgen.
die Prescriptsy-Redaktion, . Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung.